Süssholz (Glycyrrhiza glabra): Wirkung, Geschichte & Ayurveda-Anwendung
Wissenschaftlicher Name: Glycyrrhiza glabra L. | Sanskrit: Yashtimadhu | Deutsch: Süssholzwurzel, Lakritze | Englisch: Liquorice, Licorice
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Süssholz?
- Geschichte: Von der Antike bis heute
- Die Pflanze: Botanik & Herkunft
- Inhaltsstoffe: Glycyrrhizin und mehr
- Süssholz im Ayurveda: Yashtimadhu
- Wirkung aus ayurvedischer und botanischer Sicht
- Was sagt die moderne Forschung?
- Anwendung: Tee, Pulver, Wurzel & mehr
- Vorsichtsmassnahmen & Nebenwirkungen
- Süssholz kaufen: Worauf achten?
- FAQ
TLDR
- Süssholz ist eine mehrjährige Heilpflanze mit einer über 4.000-jährigen Nutzungsgeschichte in Ägypten, China, Griechenland und Indien
- Der Hauptwirkstoff Glycyrrhizin ist ca. 50-mal süsser als Saccharose und für die meisten pharmakologischen Eigenschaften verantwortlich
- Im Ayurveda gilt Süssholz als Medhya Rasayana: ein Kräuter-Rasayana für geistige Klarheit, Gedächtnis und Nerven
- Es wirkt schleimlösend, schleimhautschützend und traditionell entzündungshemmend – besonders für Atemwege und Magen
- Bei Daueranwendung über mehrere Wochen ist Vorsicht geboten: Glycyrrhizin kann den Blutdruck erhöhen
- 2012 wurde Süssholz zur Arzneipflanze des Jahres gekürt
Was ist Süssholz?
Wer als Kind Lakritz gegessen hat, kennt Süssholz ohne es zu wissen. Denn Lakritz wird aus dem eingedickten Saft der Süssholzwurzel gewonnen – jener langen, holzigen Wurzel, die aussen braun und innen leuchtend gelb ist und einen unverkennbar süssen, leicht erdigen Geschmack trägt.
Süssholz (Glycyrrhiza glabra) ist ein bis zu einem Meter hoher Strauch aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Das Wort Glycyrrhiza kommt aus dem Griechischen: glykys bedeutet süss, rhiza bedeutet Wurzel. Die Pflanze heisst also wörtlich «süsse Wurzel» – und dieser Name ist Programm. Die Süsse der Wurzel ist keine gewöhnliche: Glycyrrhizin, der Hauptwirkstoff, ist rund 50-mal süsser als normaler Haushaltszucker.
Im Ayurveda wird Süssholz seit Jahrtausenden als Yashtimadhu bezeichnet. Der Sanskrit-Begriff setzt sich zusammen aus yashti (Holz, Stängel, Stamm) und madhu (süss) – «das süsse Holz».
Geschichte: Von der Antike bis heute
Süssholz gehört zu den Heilpflanzen mit den längsten schriftlichen Überlieferungen weltweit.
Ägypten und der Orient: In den Gräbern ägyptischer Pharaonen, darunter dem des Tutanchamun, wurden Süssholzstücke als Grabbeigabe gefunden. Altägyptische medizinische Texte aus dem 16. Jahrhundert vor Christus beschreiben die Wurzel zur Linderung von Husten und Magen-Darm-Beschwerden.
Griechenland und Rom: Dioskurides, der griechische Arzt des 1. Jahrhunderts n. Chr., beschrieb Süssholz systematisch in seinem Werk «De Materia Medica» als Mittel gegen Husten, Heiserkeit und Durst. Er nannte die Pflanze erstmals Glycyrrhiza – ein Name, der bis heute in der Botanik geblieben ist.
Mittelalter: Hildegard von Bingen schrieb über Süssholz als Mittel für Herz, Stimme und Lunge. Mittelalterliche Apotheken in Europa führten die Wurzel als eines der wichtigsten Handelsgüter.
Ayurveda: In der Charaka Samhita und der Sushruta Samhita, den zentralen Texten des Ayurveda, wird Yashtimadhu ausführlich beschrieben.
Heute: Süssholz wird weltweit kultiviert, mit Schwerpunkten in Russland, Spanien, der Türkei, dem Iran, Bulgarien und China. Es ist Bestandteil der europäischen Pharmakopöe und wurde 2012 zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.
Die Pflanze: Botanik & Herkunft
Glycyrrhiza glabra ist eine ausdauernde Staude aus der Familie Fabaceae (Hülsenfrüchtler). Die Pflanze wächst bevorzugt in subtropischen und gemässigt-warmen Klimazonen mit tiefgründigem, lockerem Boden.
Aussehen: Aufrechter Wuchs, 50–150 cm hoch. Fiederblätter mit 9–17 ovalen Blättchen. Blüten blass violett bis lavendel, in Trauben. Hülsenfrüchte rot-braun, 2–5 cm lang.
Die Wurzel: Das eigentliche Heilmittel. Sie kann 1–1,5 Meter tief und mehrere Meter horizontal wachsen. Aussen braun und faserig, innen leuchtend gelb. Der Geschmack ist intensiv süss mit einem leicht bitteren Nachklang.
Hauptanbaugebiete: Russland (sibirische Steppe), Iran, Türkei, Spanien, China, Indien (Himalaya-Region).
Ernte: Erst nach 3–5 Jahren Wachstum, wenn die Wurzel den vollen Gehalt an Glycyrrhizin erreicht hat.
Inhaltsstoffe: Glycyrrhizin und mehr
Süssholzwurzel ist phytochemisch aussergewöhnlich reich. Mehr als 300 verschiedene Verbindungen wurden bisher identifiziert.
Hauptwirkstoff: Glycyrrhizin (2–9 %) Glycyrrhizin ist ein Triterpen-Saponin und verantwortlich für die charakteristische Süsse (ca. 50-fach stärker als Saccharose). Es hat entzündungshemmende, antivirale und schleimhautschützende Eigenschaften. Bei übermässigem Konsum wirkt es auf das Mineralocorticoid-System: Es hemmt das Enzym, das Cortisol abbaut, was zu Natriumretention, Kaliumverlust und erhöhtem Blutdruck führen kann.
Glycyrrhetinsäure: Der Metabolit von Glycyrrhizin nach der Darmpassage. Verantwortlich für viele systemische Wirkungen, besonders die entzündungshemmenden Effekte.
Flavonoide und Isoflavonoide: Darunter Liquiritin, Isoliquiritin, Glabridin. Glabridin ist ein Phytoöstrogen und wird in der Kosmetik und Medizin wegen seiner hautaufhellenden und entzündungshemmenden Eigenschaften erforscht.
Weitere Inhaltsstoffe: Triterpenoide, Chalcone, Cumarine, Sterole, Polysaccharide (schleimbildend), ätherische Öle, Asparagin.
Süssholz im Ayurveda: Yashtimadhu
Im Ayurveda ist Yashtimadhu keine gewöhnliche Heilpflanze. Es gehört zu den wenigen Kräutern, die in drei zentralen Kategorien gleichzeitig aufgeführt werden:
Rasayana: Yashtimadhu gilt als Rasayana – ein Mittel, das Körpergewebe regeneriert, die Lebensessenz (Ojas) stärkt und zur Langlebigkeit beiträgt.
Medhya Rasayana: Besonders hervorzuheben ist die Klassifizierung als Medhya Rasayana – ein Rasayana speziell für den Geist. Medhya bezieht sich auf alles, was die Intelligenz (Medha), das Gedächtnis (Smriti) und die mentale Klarheit fördert. Süssholz steht damit in einer Reihe mit Brahmi und Ashwagandha.
Ayurvedische Eigenschaften von Yashtimadhu
| Eigenschaft | Sanskrit-Begriff | Bedeutung |
|---|---|---|
| Geschmack | Rasa: Madhura (süss) | Nährend, aufbauend |
| Nach-Verdauung | Vipaka: Madhura | Bleibt süss, nährt Gewebe |
| Potenz | Virya: Shita (kühlend) | Kühlt Pitta, beruhigt |
| Qualitäten | Guru (schwer), Snigdha (ölig) | Nährend, befeuchtend |
Dosha-Wirkung: Yashtimadhu gleicht Vata und Pitta aus. Durch seine süsse, schwere und ölige Qualität kann es bei übermässiger Anwendung Kapha erhöhen.
Wirkung aus ayurvedischer und botanischer Sicht
Atemwege und Schleimhäute
Süssholz ist traditionell eines der wichtigsten Heilmittel für die oberen Atemwege. Die Polysaccharide der Wurzel bilden auf gereizten Schleimhäuten einen Schutzfilm. Gleichzeitig wirken die Saponine sekretolytisch: Sie lösen zähen Schleim und erleichtern den Auswurf. Diese Kombination macht Süssholz besonders bei trockenem Husten, Halsschmerzen und Heiserkeit wirksam.
Magen und Verdauung
Glycyrrhizin und die Polysaccharide der Wurzel schützen die Magenschleimhaut. In der modernen Phytotherapie wird Süssholzextrakt (vor allem DGL – deglycyrrhiziniertes Süssholz) bei Magenschleimhautentzündung eingesetzt.
Geist und Nerven (*Medhya*)
Als Medhya Rasayana unterstützt Yashtimadhu traditionell die geistige Klarheit, das Gedächtnis und die Nervenstärke. Im Ayurveda wird es bei geistiger Erschöpfung, Konzentrationsschwäche und Stress eingesetzt.
Augen, Haut und Haare
Eine besondere Stärke von Yashtimadhu im Ayurveda ist die Affinität zu Augen, Haut und Haaren. Glabridin, ein Flavonoid des Süssholzes, wird in der modernen Kosmetik wegen seiner Wirkung auf die Hautstruktur erforscht.
Was sagt die moderne Forschung?
Süssholz ist eine der am besten erforschten Heilpflanzen überhaupt.
Antiviral: Glycyrrhizin wurde in Laborstudien auf antivirale Eigenschaften gegen eine Reihe von Viren untersucht, darunter Herpes-simplex-Viren. Die klinische Relevanz beim Menschen ist noch nicht abschliessend geklärt.
Magengeschwüre: DGL (deglycyrrhiziniertes Süssholz) wurde in älteren klinischen Studien bei Magengeschwüren und Zwölffingerdarmgeschwüren untersucht, mit einigen positiven Ergebnissen.
Entzündungshemmung: Umfassende Übersichtsarbeiten dokumentieren über 20 pharmakologische Aktivitäten von Glycyrrhiza glabra, darunter antioxidative, antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften.
Wichtige Einschränkung: Viele Studien wurden in vitro (Zellkultur) oder an Tieren durchgeführt. Klinische Studien am Menschen sind begrenzt. Süssholz ersetzt keine ärztliche Behandlung.
Anwendung: Tee, Pulver, Wurzel & mehr
Als Tee (Dekokt)
Die klassische und einfachste Anwendungsform bei Husten, Halsschmerzen und Magenbeschwerden.
Zubereitung:
- 1–2 Teelöffel getrocknete Süssholzwurzelstücke mit 250 ml Wasser aufsetzen
- Aufkochen und 8–10 Minuten bei kleiner Hitze köcheln lassen
- Abseihen und in kleinen Schlücken trinken
- Maximal 2 Tassen täglich, nicht dauerhaft über 4–6 Wochen
Variante: Die Wurzel direkt kauen – besonders im Ayurveda eine verbreitete Methode.
Als Pulver (Churna)
Im Ayurveda wird Süssholz als Yashtimadhu Churna (Pulver) eingesetzt, besonders bei Magenbeschwerden, Übersäuerung und zur allgemeinen Stärkung.
Einnahme: ½ bis 1 Teelöffel Pulver in warmem Wasser oder Milch einrühren, zweimal täglich. In der Kombination mit Ghee und warmer Milch ist es eine klassische ayurvedische Zubereitung für die Schleimhäute.
In Kräutermischungen
Süssholz harmoniert besonders gut mit Ingwer (bei Erkältungen und Husten), Kurkuma (entzündliche Zustände), Brahmi (als Medhya-Kombination) und Tulsi/Heiliger Basilikum (Atemwege).
Im Mana Shop ist Süssholz als ganze Wurzelstangen und als gemahlenes Bio-Pulver erhältlich.
Vorsichtsmassnahmen & Nebenwirkungen
Süssholz ist eine wirksame Heilpflanze – und wirksame Heilpflanzen haben auch ein Nebenwirkungsprofil.
Das Glycyrrhizin-Problem
Der Hauptwirkstoff Glycyrrhizin hemmt das Enzym, das Cortisol in seine inaktive Form umwandelt. Die Folge bei Daueranwendung: erhöhter Cortisolspiegel im Gewebe, was zu Natriumretention, Kaliumverlust und erhöhtem Blutdruck führen kann.
Kein Süssholz bei: Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Hypokaliämie, Schwangerschaft.
Maximale Anwendungsdauer: Nicht länger als 4–6 Wochen kontinuierlich. Für Langzeitanwendungen ist DGL (deglycyrrhiziniertes Süssholz) die sicherere Option.
Süssholz kaufen: Worauf achten?
Qualitätskriterien:
- Bio-Zertifizierung: Süssholzwurzeln akkumulieren Pestizide; Bio-Qualität ist hier besonders relevant
- Herkunft: Europäische oder indische Herkunft bevorzugen (bessere Rückverfolgbarkeit)
- Verarbeitung: Kaltgemahlen für Pulver, um Aromastoffe zu erhalten
Im Mana Shop findest du Süssholz als ganze Wurzelstangen sowie als gemahlenes Bio-Pulver – sorgfältig ausgewählt, mit Versand in die ganze Schweiz.
FAQ: Häufige Fragen zu Süssholz
Wie schmeckt Süssholz? Intensiv süss, mit einem charakteristischen krautigen und leicht erdigen Nachgeschmack. Die Süsse klingt länger nach als bei Zucker.
Ist Lakritz dasselbe wie Süssholz? Nicht ganz. Lakritz wird aus dem eingekochten Saft der Süssholzwurzel gewonnen. Echter Lakritz enthält Süssholzextrakt; viele Süssigkeiten sind jedoch künstlich aromatisiert.
Kann ich Süssholztee täglich trinken? Ja, aber begrenzt auf 4–6 Wochen am Stück. Danach eine gleichlange Pause einlegen. Bei Bluthochdruck oder Herzerkrankungen nicht ohne Rücksprache mit einem Arzt.
Was ist DGL-Süssholz? DGL steht für Deglycyrrhiziniertes Süssholz. Dabei wird das Glycyrrhizin auf sehr niedrige Werte reduziert. DGL ist für Menschen mit Blutdruckempfindlichkeit geeigneter für Langzeitanwendungen.
Kann ich Süssholz mit Ashwagandha kombinieren? Ja, im Ayurveda ist diese Kombination gebräuchlich – besonders bei Erschöpfung und zur allgemeinen Stärkung.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich an einen Arzt oder Heilpraktiker.

